• Noch 1000 Schritte

    Ich habe mir dieses App heruntergeladen, mit dem man seine Schritte zählen kann. Aber ich habe den Fehler gemacht, dem App zu erlauben, die Daten meiner Krankenversicherung zu übermitteln. Eigentlich kannst Du nur gewinnen, hatte ich mir gesagt. Machst Du die 10’000 Schritte am Tag, kriegst Du den halben Euro gutgeschrieben, Schaffst Du es nicht, ist nichts verloren. 10’000 Schritte, habe ich mir gedacht, die machst Du locker. Morgens und abends den Kilometer zur Bahnstation, mittags zweimal die 500 Meter zur Kantine und zurück. Das müsste schon mal gute 6000 Schritte ergeben. Dann noch einige Male die dreissig Schritte zur…

  • Der Liebe Gott

    Ich stelle mir vor, Gott würde beginnen, die Gravitationskonstante dynamisch festzulegen. Er würde dabei streng darauf achten, wie gut wir mit seinem Auftrag: „füllt die Erde und macht sie euch untertan“ voran kommen. In schwierigen Zeiten reduzierte er die Gravitation, damit uns alles etwas leichter fallen würde. Werden wir auf der anderen Seite zu übermütig und behandelten die Erde eher wie einen Sklaven denn wie einen Untertanen, würde er die Gravitation erhöhen. Er würde das zuerst ein bisschen tun und man würde es kaum wahrnehmen. Vielleicht daran, dass geostationäre Satelliten sich zu bewegen beginnen, da sie auf tiefere Umlaufbahnen gezogen…

  • Dumpf-Tracker

    Erstaunlich, wie die Beurteilung von Persönlichkeiten in der Geschichtsschreibung ändern kann. Als Präsident Dumpf sein Amt mit den Worten „Ich bin nicht länger bereit Präsident eines Landes zu sein, das mir nicht folgen will“ quittierte, waren sich Kommentatoren einig, dass er in die Geschichte eingehen wird, als der Präsident, der sich wie ein Elefant im Porzellanladen, durch unkluge Äusserungen bei öffentlichen Auftritten und seine berüchtigten Tweets, jeglicher Chancen für Allianzen beraubt und damit selber in die Handlungsunfähigkeit manövriert hatte. Heute wird Präsident Dumpf mit dem Anfang vom Niedergang der Twitter-Politiker verbunden. Der aufmerksame Politikbeobachter weiss natürlich, dass es den Twitter-Politiker…

  • Der Flyer

    Meine Freunde haben mir zu meinem fünfzigsten Geburtstag einen Flyer geschenkt. Ein Flyer ist ein Elektrofahrrad. Allerdings fährt es nicht von selbst, es unterstützt bloss. Wenn man tritt, steuert das Fahrrad elektrische Unterstützung bei. Es können verschiedene Unterstützungsgrade gewählt werden, aber die Unterstützung bricht ab, wenn man eine Geschwindigkeit von 25 km/h erreicht hat.  Das faszinierende am Flyer sind nicht diese technischen Details. Nein, das faszinierende ist, wie der Flyer mein Fahrverhalten verändert hat. Anfänglich gab ich mich noch sportlich und wählte den tiefsten Unterstützungsgrad oder schaltete die Unterstützung ganz aus. Heute fahr ich nur noch mit höchster Unterstützung.  Früher,…

  • #MeToo

    Es war an meinem fünfunddreissigsten Geburtstag. Wie in unserer Firma üblich trafen wir uns nach der Arbeit im Pub, wo ich die ersten beiden Runden Bier ausgab. Wie in unserer Firma üblich, wird man bei diesen Gelegenheiten von einzelnen Personen oder Grüppchen mit kleineren Geschenken bedacht. So wickelte ich aus einem der Papiere eine Dose. Eine Dose mit der Aufschrift „Hose aus der Dose“. Aus der Dose zog ich eine Unterhose mit der Aufschrift „Knackarsch“. Zugegeben ich war für meine fünfunddreissig Jahre gut in Form. Nur, die Girls aus meinem Team, die mir die Dose (resp. Hose) geschenkt hatten, waren…

  • Der Nobelpreis

    Ich bin weit überdurchschnittlich intelligent. Das hat sich seit früher Kindheit laufend bestätigt. Nie konnte mir jemand ernsthaft das Wasser reichen. Meine Gedankengänge waren stets klarer, origineller und brillanter als die der Anderen. Auch im Freundes- und Familienkreis musste ich regelmäßig feststellen, wie dürftig der Durchschnitt mit analytischen Gaben ausgestattet ist. Kaum jemand ist in der Lage, mehr als hier und dort gelesenen Unsinn wiederzugeben. Meine Versuche, durch Leserbriefe und Wortergreifen bei Versammlungen klare Sichten zu vermitteln, wurden nicht verstanden und belächelt. Dem ganzen Nobelpreiszirkus stehe ich zwar kritisch gegenüber. Zu oft werden die Preise aus politischem Kalkül an zweitklassige Forscher…

  • Der Henker

    Die Rekrutierung von Henkern ist und bleibt eine Herausforderung. Die bis heute beste Strategie ist, Henker durch eine überdurchschnittliche Besoldung zu gewinnen. Auf den ersten Blick mag dies befremden. Warum soll jemand, dessen Hauptaufgabe es ist, andere Menschen zu töten, dafür fürstlich entlohnt werde. Es scheint, dass genau in diesem Widerspruch das Problem liegt.  Als wir die Henker noch ehrenamtlich, also ohne Entschädigung beschäftigten, konnten wir durchaus Henker rekrutieren. Diese machten ihren Job in der Regel auch sehr gut. Viele übten sich zudem in der Freizeit in der Handhabe von Äxten und Schwertern. Im Allgemeinen meldeten sich für den Job…

  • Vom Haareschneiden

    Als ich damals mein Ingenieurstudium abschloss, hatte ich zwei vielversprechende Produktideen, auf denen ich meine Firma hätte bauen können. Das eine war ein solarzellenbetriebener Drehteller und das zweite war ein Haarschneideautomat.  Ein solarzellenangetriebener Drehteller mag auf den ersten Blick unnütz erscheinen. Wer aber schon in seiner Wohnung eine Amaryllis austreiben und blühen lassen hat, wird mit mir schnell einig sein, dass so unnütz ein solcher Drehteller nicht wäre. Eine Amaryllis hat den Drang ihre Blüten dem Licht entgegen zu strecken und wenn dieses in der Wohnung vornehmlich aus einer Richtung kommt, wächst sie in diese Richtung. Anfänglich geht das ja…

  • Werbung ohne Grenzen

    Im ersten Moment sind Leute irritiert, wenn sie mich treffen, das ist mir bewusst. Das war mir natürlich auch bewusst, als ich mir den Schriftzug auf die Stirn tätowieren liess. Aber ich bin noch heute der Ansicht, dass es ein guter Entscheid war, wenn ich sehe, wie schwierig es heute noch immer ist, eine Arbeit zu kriegen. Sicher hätte es nicht zwingend das Amazon-Logo sein müssen, aber die monatliche Körperflächenmiete war nun einmal deutlich höher als für ein Pampers-Logo. Zudem steht hinter Amazon ein solider Konzern, was mir die Zuversicht gibt, dass ich die Miete auch bis an mein Lebensende…

  • Der Altersroboter

    Früher hat Lucy ihre ältere Schwester belächelt, heute beneidet sie sie. Früher hatte sie ihr immer wieder vorgehalten, wie spiessig sie sei, wenn sie sich dermassen abrackere und sich nie wirklich was gönne. Lucy hatte dies im Griff. Für sechs Monate arbeite sie in der Stadt als Krankenschwester und die anderen sechs Monate verbrachte sie in Laos, wo sie mit den Überschüssen aus den ersten sechs Monate wie eine Fürstin leben konnte. Heute wünscht sich Lucy, sie hätte drei Monate mehr gearbeitet und nur drei Monate in Laos verbracht. Dann könnte sie sich auch einen Altersroboter leisten. Lucy wird nichts…

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