• Der Nobelpreis

    Ich bin weit überdurchschnittlich intelligent. Das hat sich seit früher Kindheit laufend bestätigt. Nie konnte mir jemand ernsthaft das Wasser reichen. Meine Gedankengänge waren stets klarer, origineller und brillanter als die der Anderen. Auch im Freundes- und Familienkreis musste ich regelmäßig feststellen, wie dürftig der Durchschnitt mit analytischen Gaben ausgestattet ist. Kaum jemand ist in der Lage, mehr als hier und dort gelesenen Unsinn wiederzugeben. Meine Versuche, durch Leserbriefe und Wortergreifen bei Versammlungen klare Sichten zu vermitteln, wurden nicht verstanden und belächelt. Dem ganzen Nobelpreiszirkus stehe ich zwar kritisch gegenüber. Zu oft werden die Preise aus politischem Kalkül an zweitklassige Forscher…

  • Der Henker

    Die Rekrutierung von Henkern ist und bleibt eine Herausforderung. Die bis heute beste Strategie ist, Henker durch eine überdurchschnittliche Besoldung zu gewinnen. Auf den ersten Blick mag dies befremden. Warum soll jemand, dessen Hauptaufgabe es ist, andere Menschen zu töten, dafür fürstlich entlohnt werde. Es scheint, dass genau in diesem Widerspruch das Problem liegt.  Als wir die Henker noch ehrenamtlich, also ohne Entschädigung beschäftigten, konnten wir durchaus Henker rekrutieren. Diese machten ihren Job in der Regel auch sehr gut. Viele übten sich zudem in der Freizeit in der Handhabe von Äxten und Schwertern. Im Allgemeinen meldeten sich für den Job…

  • Vom Haareschneiden

    Als ich damals mein Ingenieurstudium abschloss, hatte ich zwei vielversprechende Produktideen, auf denen ich meine Firma hätte bauen können. Das eine war ein solarzellenbetriebener Drehteller und das zweite war ein Haarschneideautomat.  Ein solarzellenangetriebener Drehteller mag auf den ersten Blick unnütz erscheinen. Wer aber schon in seiner Wohnung eine Amaryllis austreiben und blühen lassen hat, wird mit mir schnell einig sein, dass so unnütz ein solcher Drehteller nicht wäre. Eine Amaryllis hat den Drang ihre Blüten dem Licht entgegen zu strecken und wenn dieses in der Wohnung vornehmlich aus einer Richtung kommt, wächst sie in diese Richtung. Anfänglich geht das ja…

  • Werbung ohne Grenzen

    Im ersten Moment sind Leute irritiert, wenn sie mich treffen, das ist mir bewusst. Das war mir natürlich auch bewusst, als ich mir den Schriftzug auf die Stirn tätowieren liess. Aber ich bin noch heute der Ansicht, dass es ein guter Entscheid war, wenn ich sehe, wie schwierig es heute noch immer ist, eine Arbeit zu kriegen. Sicher hätte es nicht zwingend das Amazon-Logo sein müssen, aber die monatliche Körperflächenmiete war nun einmal deutlich höher als für ein Pampers-Logo. Zudem steht hinter Amazon ein solider Konzern, was mir die Zuversicht gibt, dass ich die Miete auch bis an mein Lebensende…

  • Der Altersroboter

    Früher hat Lucy ihre ältere Schwester belächelt, heute beneidet sie sie. Früher hatte sie ihr immer wieder vorgehalten, wie spiessig sie sei, wenn sie sich dermassen abrackere und sich nie wirklich was gönne. Lucy hatte dies im Griff. Für sechs Monate arbeite sie in der Stadt als Krankenschwester und die anderen sechs Monate verbrachte sie in Laos, wo sie mit den Überschüssen aus den ersten sechs Monate wie eine Fürstin leben konnte. Heute wünscht sich Lucy, sie hätte drei Monate mehr gearbeitet und nur drei Monate in Laos verbracht. Dann könnte sie sich auch einen Altersroboter leisten. Lucy wird nichts…

  • Unsere Katze (II)

    Gestern habe ich unsere Katze umgebracht. Mit jedem Mal, wo ich sie so faul rumliegen sah, ging sie mir mehr auf den Sack, bis es mir gestern definitiv zu viel wurde. Jeden Morgen gehe ich um sechs Uhr aus der Wohnung, um um sieben rechtzeitig im Büro zu sein, bevor die Kollegen und vor allem die Chefs eintreffen. Im Prinzip würde es gar keine Rolle spielen, ob der Empfang so früh schon besetzt ist, aber ich kann drauf wetten, dass für den Fall, dass ich einmal später erscheine, bestimmt einer der Partner etwas Wichtiges, wie zum Beispiel eine Restaurantreservation, hätte…

  • Innovationen

    In der Stadt wo nachts gebaut werden darf, wurden die schalldichten Fenster entwickelt.

  • Wan Chai

    Sein Schädel brummt noch immer, aber jetzt wo er in der Lufthansa Lounge sitzt, fühlt es sich schon weniger schlimm an. Noch ein weiteres Bier und er würde sich weiter entspannen und die Kopfschmerzen würden vergehen. Auch die Gedanken an die letzte Nacht, werden sich hoffentlich rasch verflüchtigen. Mark weiss, dass er sich nicht hätte drauf einlassen dürfen, er wusste ja, dass seine und Andrés Lebensphilosophie ziemlich unterschiedlich waren. Sie stammten zwar aus dem gleichen Dorf und hatten zusammen studiert, aber nicht von ungefähr danach unterschiedliche Karrierewege beschritten. Während er sich für eine akademische Karriere entschied, wechselte André ins Investment…

  • Killerbienen

    Unser Tal hatte seit Generationen eine inniges Verhältnis zu Bienen. Der Vergleich hinkt zwar ein wenig, aber wenn jemand dabei an heilige Kühe denkt, ist das nicht ganz abwegig. Der Grund, für dieses spezielle Verhältnis liegt daran, dass in unserem Tal aufgrund des einzigartigen Klimas auch eine einzigartige Flora gedeiht und der Honig, den Bienen in diesem Umfeld sammeln, hat einen ganz charakteristischen Geschmack. Es gelang bisher nicht, diesen Geschmack durch das Mischen verschiedener, anderer Honigsorten zu reproduzieren. Unsere Talschaft hat aufgrund diese Honigs, der in die ganze Welt exportiert wurde immer Recht gut gelebt. Bienen waren daher äusserst respektiert.…

  • Vom Leben im Glashaus

    Unsere Geschäftsleitung hält uns wie Vieh. Ihr jüngster Coup war die Einführung gläserner Toilettenkabinen. Das offen erklärte Ziel war es, zu verhindern, dass wir Angestellten wertvolle Arbeitszeit – Zeitung lesend oder auf dem Handy surfend – auf der Toilette verschwenden. Ich glaube aber, dass man auch das Sauberhalten der Toiletten teilwiese auf uns abzuwälzen wollte. Seit wir gläserne Toilettenkabinen haben, weiss das ganze Büro, wer während des Tages, welche Toilette benutzt hat. Wenn also eine Toilettenschüssel verschmutzt sein sollte, ist der Kreis der Verdächtigen sehr eng. Der grösste Verdacht fiele natürlich auf den letzten, der sie benutzt hat. Wenn man…

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