-
Frau Meier
Manchmal braucht es unkonventionelle Methoden, um hartnäckige Probleme zu beseitigen. Seit Jahren stört uns, dass Frau Meier, unsere Nachbarin, uns durch ihr Küchenfenster beobachtet. Da ihr Küchenfenster über der Spüle angebracht ist, muss sie sich bestimmt auf die Zehenspitzen stellen, um hinauszuschauen. Denn gerade gross ist sie nicht. Wenn sie sich also so streckt, um aus dem Fenster zu schauen, kann sie einen Teil unseres Esszimmers einsehen. Wir haben zwar nichts zu verbergen und trotzdem stört es, wenn sie in unsere Privatsphäre eindringt. Aber irgendwie ist es auch belustigend. Wenn wir jeweils realisierten, dass sie gerade wieder zu uns rüber…
-
Liebe Frau Müller
Ich möchte Ihnen gleich vorweg versichern, dass wir Ihr Anliegen verstehen können. Aber ich muss auch gleich festhalten, dass wir nicht in der Lage sind, unseren Entscheid zu revidieren. Sie müssen wissen, dass die Erwartungen an einen Fussballclub heute sehr hoch sind. Es wird von den Eltern, die ihre Kinder bei uns trainieren lassen, erwartet, dass die Kinder professionell betreut werden. Es wird vorausgesetzt, dass die Trainer den Nachwuchs gezielt fördern, um ihnen die Chancen zu öffnen, falls sie talentiert genug sind, eine Karriere als Fussballer zu beschreiten. Diesem Anspruch können wir nur mit professionellen Trainern genügen. Um die resultierenden…
-
Roboboss
Anfänglich stand ich dem Einsatz von Robotern im mittleren Management kritisch gegenüber. Aber nach der zweijährigen Testphase muss ich eingestehen, dass die Vorteile unübersehbar sind. In der Anfangsphase häuften sich zwar die Beschwerden von Mitarbeitern, sie würden nicht fair behandelt. Diese gingen dann aber sehr rasch auf null zurück. Da die Manager-Software jegliche Kommunikation lückenlos aufzeichnet, konnte in allen Fällen problemlos nachgewiesen werden, dass die Ziele korrekt vereinbart, Änderungen zeitgerecht kommuniziert, Korrekturen sachlich angebracht und Beurteilungskriterien uniform über alle Gruppenmitglieder angewendet wurden. Auch die Befürchtung, dass sich der Mangel an Emotionen negativ auswirken könnte, war unbegründet. Vielmehr stoppten die Anschuldigungen…
-
Vogelgezwitscher
Die Software übertrifft sämtliche Erwartungen. Dabei ist faszinierend, dass sie am Anfang keinerlei Fortschritte zu machen schien, aber dann in eine Phase geriet, in der sie mit exponentieller Geschwindigkeit Lernfortschritte verzeichnete. Zugegeben, das Ziel war ambitiös. Zum ersten Mal wurde der Mustererkennungs-Algorithmus angewendet, um Muster aus drei verschiedenen Domänen zu verbinden. Der einfachste Teil, stellt klar das Erkennen von einzelnen, wiederkehrenden Mustern im Vogelgezwitscher dar. Auch die Identifikation von Verhaltensgrundmustern stellten wir uns als nicht allzu schwierig vor. Bei der Übersetzung von Kombinationen aus Zwitscherpartien und Verhaltensatomen in die menschliche Sprache, waren wir darauf vorbereitet, dass Trainingshilfe nötig werden könnte.…
-
Maler im Glück
Als ich mich damals entschied, Maler zu werden, hätte ich mir nicht träumen lassen, als wie gut sich dieser Entscheid erweisen würde. Ich hatte zwar in der Volksschule Talent beim Zeichnen und Gestalten gezeigt, aber wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, dann hätte ich einen gewöhnlichen Beruf erlernt. Da meine Lehrer mich förderten und sich dafür einsetzten, dass ich eine künstlerische Ausbildung erhalten müsste, wollten mir meine Eltern am Ende ihre Unterstützung nicht verwehren. Noch während meiner Ausbildung an der Kunstakademie gab es politische Vorstösse, die darauf abzielten, die Situation Kunstschaffender zu verbessern. Und just im ersten Jahr nach…
-
Die Putzkolonne
Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie man gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen sein kann. Es kann doch nicht sein, dass alle in ihrem Job so glücklich sind, dass sie die Möglichkeit, die ihnen ein solches Grundeinkommen bieten würde, nicht nutzen könnten, um etwas zu tun, das ihnen wirklich Freude macht. Ich auf jeden Fall muss da nicht lange überlegen, um etwas zu finden. Ich würde Kinderbücher schreiben. Bilderbücher mochte ich selber schon als ich klein war. Aber erst als ich die Freude meiner eigenen Kinder erfuhr, wenn sie gebannt meinem Erzählen aus Bilderbüchlein zuhörten, wusste ich, dass für mich das Gestalten…
-
Take Away Sushi
Wehmütig denke ich an die Zeiten zurück, wo ich unsere Freunde und Bekannten einfach mit japanischen Spezialitäten erfreuen konnte. Ich brachte Soyasauce oder Reiscracker zurück, wenn ich in Japan meine Eltern besucht hatte. Wir luden Freunde und Bekannte zu Sushi ein und diese fragten bewundernd, wie man diese so schön rollt. Aber heute kriegt man gekühlte [sic!] Sushi an jeder Ecke im Take Away. Und als wir kürzlich neue Bekannte zu Sushi einluden, bemerkte eine der Gäste, dass mein Reis etwas warm sei. Seit diesem Tag verfluche ich die ganze Globalisierung.
-
Das Landmark-Programm
Ob das UNESCO-Programm zur Verbreiterung des Kulturerbes erfolgreich umgesetzt werden kann, wird stark davon abhängen, ob die einzelnen Länder sich am Ende im vorgeschlagenen Umfang am Programm beteiligen. Aber daran gibt es momentan noch Zweifel, denn um die Grundsatzerklärung nicht zu gefährden, wird in der momentanen Fassung bewusst keine Aussage darüber gemacht, wer und ob überhaupt jemand den Bau der Landmarks koordinieren soll. Vor allem die europäischen Staaten machen sich dafür stark, dass die UNESCO eine entscheidende, koordinierende Rolle bekommt. Es gelte zu vermeiden, dass plötzlich in der ganzen Welt Eiffelturmkopien stünden oder dass sich Nationen bloss mit immer höheren…
-
Randerscheinungen
Wenn sich meine Kollegen an der Uni darüber beschweren, das Leben in dieser Stadt sei so teuer, dann schöpfen sie schlicht nicht alle Möglichkeiten aus. Da gibt es zum Beispiel die Pizzeria da Franco am Schwanenplatz, die kürzlich die „randlos“ Pizzaoption eingeführt hat. Sie landete damit einen Volltreffer. Wer nämlich in einer Pizzeria die Augen offen hält, wird schon realisiert haben, dass immer mehr Leute den Rand ihrer Pizza wegschneiden und nicht essen. Ich kann nur vermuten, dass der Pizzarand zu viele Kalorien für zuwenig Geschmackserlebnis liefert oder dass er zu hart zum Beissen ist. Mit der Randlosoption bietet die…
-
Ich, Chefköchin
Ich habe geträumt ich wäre Chefköchin in einem Restaurant mit drei Michelin-Sternen. Das heisst, nicht ganz. Das Hotel, dem das Restaurant angeschlossen war, hatte sich bloss zum Ziel gesetzt, ein drei Sterne Michelin-Restaurant zu betreiben und meine Aufgabe war es, dies zu erreichen. „Lassen Sie sich in unserem zukünftigen Michelin-Restaurant verwöhnen“, lautete einer unserer Werbeslogans. Gekauft worden war das Hotel von einem vor kurzem zurückgetretenen Skistar. Vielleicht war es auch ein Tennisprofi. Wobei, ich denke, die Trophäen, die in seinem Büro standen, glichen eher den Glaskugeln aus dem Weltcup als den Schalen von Wimbledon. Er hatte das Hotel für viel…