Meine Joggingrunden führen mich über Wiesen und Felder, durch den Wald und entlang eines kleinen Sees. Der See ist ein Vogelparadies von nationaler Bedeutung, wo sich viele heimische sowie Vögel auf dem Durchzug oder beim Überwintern beobachten lassen. Entsprechend treffe ich auf meinen Runden auch regelmässige grössere oder kleinere Scharen von Hobbyornithologen entlang des Sees an.
Als ich letzten Sonntag auf meiner Runde zum See rannte, lief ich auf eine laut gestikulierende Personengruppe zu, die mich zum Anhalten aufforderte. Ich müsse helfen! Dazu hatte ich wenig Lust. Es war kalt, unter Null, und ich hatte Angst, mich zu erkälten, falls ich mich nicht in Bewegung hielt. Aber ich wollte mir auch nicht vorwerfen müssen, nicht zu helfen, wenn Hilfe nötig war. Also blieb ich stehen.
Die Situation war schnell erfasst. Der Junge hatte sich auf das dünne Eis des Sees gewagt und war dann etwa drei Meter vom Ufer entfernt eingebrochen. Kurz entschlossen ergriff ich eines der Fernrohre, zog das Stativ auf maximale Länge aus, machte einige Schritte in Wasser, streckte dem Jungen das Fernrohr zu, welches mehrmals eintauchte bevor es der Junge ergreifen konnte und zog ihn an Land, als er festen Griff hatte.
Noch bevor die Eltern des Jungen, diesen in die Arme schliessen konnten, kam einer der Hobbyornithologen wütend auf mich zu und schrie, was mir einfalle, sein Fünftausend-Euro-Fernglas ins Wasser zu tauchen. Sollte es Schaden genommen haben, werde er mich dafür zur Verantwortung ziehen.
Die Eltern des Jungen waren überglücklich, dass alles gut gekommen war. Ich warnte sie allerdings, dass er eventuell unterkühlt sein könnte und wir ihn doch besser bei der Notfallaufnahme des nahegelegenen Spitals checken lassen sollten. Auf jeden Fall aber müsse sich der Junge die nassen Kleider ausziehen und etwas Trocknens anziehen. Auf die Frage, ob dem Jungen jemand etwas Trockenes anzuziehen hätte, herrschte betretenes Schweigen.
Bei solchen Temperaturen trage ich zum Joggen immer mehrere Kleidungsschichten. Also gab ich dem Jungen, nachdem er sich seiner nassen Kleider entledigt hatte, eine Jacke und eine Trainingshose. Die verschwitzte Thermounterwäsche wollte ich ihm dann doch nicht zumuten.
Als ich in die Runde fragte, ob jemand ein Fahrzeug in der Nähe habe, um uns ins nächstgelegene Spital zu fahren, ebenfalls betretenes Schweigen. Bis dann einer einen anderen ansprach, er wäre doch mit dem Auto angereist. Schon, aber er müsse eben schon bald gehen, hätte noch eine Verpflichtung und sei nur deshalb mit dem Auto hergekommen. Gegen die Aufforderung, das könne ihn ja nicht davon abhalten, uns ins Spital zu fahren, konnte er nichts einwenden.
So fuhren wir, der Junge, sein Vater, ich und unser etwas widerwillige Chauffeur also zur Notfallaufnahme des nahegelegenen Spitals. Dort war man auch bereit, sich des Jungen anzunehmen, allerdings wurde eine Kaution von tausend Euro verlangt für den Fall, dass keine Versicherung für die Kosten aufkommen sollte. Seine Brieftasche sei leider in der Handtasche seiner Frau, wand sich der Vater, ob ich die Kaution nicht übernehmen könne. Er würde diese auch zurückerstatten, wenn dann die Versicherung bezahlt hätte.
Da man nie weiss, gehe ich nie ohne Handy oder Kreditkarte auf meine Joggingrunden und so konnte ich nicht anders. Nachdem die Kaution hinterlegt, Adressen und Bankverbindung ausgetauscht waren, rief ich mir ein Taxi, um mich nach Hause bringen zu lassen.
Nach drei Wochen war meine Erkältung, die ich mir eingefangen hatte, auskuriert und auf mein Konto erhielt ich fünfhundert Euro überwiesen. Es kostete mich drei Versuche, den Vater des Jungen ans Telefon zu kriegen. Etwas verärgert fragte ich, warum er mir nicht tausend Euro überwiesen hätte. Er sagt, etwas von Rechnung sei höher als tausend Euro gewesen und er hätte einen Selbstbehalt. Das ändere ja nichts daran, dass ich ihm tausend vorgelegt hätte und dass ich gerne die ganze Summe zurückhaben wolle. Im Spital hätte man ihm gesagt, dass eine Notfalleinweisung gar nicht nötig gewesen wäre. Es sei einzig meine Schuld, dass sein Sohn überhaupt grundlos eingeliefert worden sei und daher hätte ich quasi die unnötigen Kosten verursacht und drum sei es nichts als recht, wenn ich mich an den Kosten beteiligte.
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